Ein Konzept
Barrierefreier Zugang zum Notruf 112
Um unter der europaweiten Notrufnummer 112 einen Notfall melden zu können, ist es heute unumgänglich hören und sprechen zu können.
Bisher existieren für eine Notfallmeldung durch Gehörlose und Schwerhörige zwei Alternativmöglichkeiten. Über Faxgeräte kann im Notfall ein Fax an die 112, oder in einigen Pilotregionen eine SMS an eine spezielle Telefonnummer gesendet werden. Beide Möglichkeiten bergen jedoch erheblich Nachteile in sich.
Um einen barrierefreien Zugang zu den Notruf-Abfragestellen sicher stellen zu können, muss eine zusätzliche, neue Zugangsmöglichkeit geschaffen werden. Das Internet kann zu diesem Zweck als Schnittstelle zwischen Hilfesuchendem und Notruf-Abfragestelle dienen. Auf diese Weise wäre ein Zugang über viele verschiedene Endgeräte sichergestellt. Die Technik dazu ist im Wesentlichen vorhanden und ausreichend verbreitet.
Entwicklungsbedarf besteht im Bereich der Zusammenführung verschiedener Techniken und in der Schaffung einer zentralen Struktur, hier zentraler Notruf-Server genannt, die die eingehenden Notrufe annimmt und an die zuständigen Notruf-Abfragestellen vermittelt.
Zwei wesentlichen Punkte bei der zentralen Bearbeitung eines Notrufes sind der Standort und die Identität des Hilfesuchenden. Durch die Verordnung über Notrufverbindungen (NotrufV) sind die Telekommunikationsanbieter verpflichtet, die Notrufverbindung zur regional zuständigen Leitstelle herzustellen. Unter der 112 kann daher immer nur, auch bei Verwendung einer abweichenden Vorwahl, die regional zuständige Leitstelle erreicht werden. Die Identität des Anrufers kann durch die Rufnummer ermittelt werden, die auch bei eingestellter Rufnummernunterdrückung immer an die Notruf-Abfragestelle übertragen wird.
Bei einer zentralen Annahme und Vermittlung eines Notrufes über das Internet muss der Standort des Hilfesuchenden möglichst genau bestimmt werden können, damit die regional zuständige Leitstelle ermittelt werden kann. Zur Standortbestimmung gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, die teils vom genutzten Endgerät abhängen, teils von der Zugangsart in das Internet. Durch die verschiedenen, vorhandenen Techniken kann sogar eine weit genauere Standortbestimmung erfolgen, als sie heute bei den meisten Notrufen über das Telefon möglich ist.
Die Sicherstellung der Identität des Hilfesuchenden, die bisher über die Rufnummer des Anrufers erfolgt, kann ebenfalls auf verschiedene Arten erfolgen. Sollte der Zugang zum Internet über eine Telefonverbindung erfolgen, kann durch die Weiterleitung der Telefonnummer wie bisher auch, der Anrufer ermittelt werden. Bei einem alternativen Zugang zum Internet, beispielsweise über ein W-LAN Netz, muss eine alternative Authentifizierung erfolgen. Der neue Personalausweis bietet beispielsweise über eine eID (elektronische Identität) die Möglichkeit eines Identitätsnachweises im Internet an. Im Geschäftsverkehr sind elektronische Signaturen oder auch PIN / TAN (Persönliche Identifikationsnummer / Transaktionsnummer) Verfahren weit verbreitet.
Bei Notrufen muss allerdings davon ausgegangen werden, dass sich der Anrufer unter erheblichem Stress befindet und sich nicht an vergebene Zugangskennungen erinnern, oder PIN / TAN Listen immer mit sich führen kann. Eine automatische Identifikation bei der Anwahl des Notrufes ist damit zwingend notwendig. Steht keine elektronische Identität zur Verfügung kann eine Identifikation auch durch Anmeldung am zentralen Notruf-Server zur Vorbereitung eines eventuellen Notrufes erfolgen. Der Ablauf eines Notrufes über das Internet kann schematisch wie folgt dargestellt werden:
ILS bezeichnet eine Integrierte Leitstelle,
die Rettungsdienst-, technische Hilfeleistungs- und Brandeinsätze disponiert
Der zentrale Notruf-Server ist in diesem Modell die noch zu schaffende Instanz. Genauso wie unter der 112 oder der 110 muss die Erreichbarkeit des Notruf-Servers gewährleistet werden. D.h. es muss, wie in der NotrufV festgelegt, eine einheitliche, hochverfügbare, vorrangige Verbindung hergestellt werden. Der zentrale Server vermittelt die eingehenden Notrufe an die örtlich zuständigen Leitstellen. Die Verbindung zwischen den ILS und dem Notruf-Server muss neu eingerichtet werden, aus technischer Sicht sind hier aber keine größeren Probleme zu erwarten.
Da die Notruf-Abfragestellen bisher regional organisiert sind, muss für den Betrieb des zentralen Notruf-Servers eine zuständige Organisation oder Behörde gefunden werden, die mit den notwendigen personellen und finanziellen Ressourcen ausgestattet werden muss.
Die Annahme eines Notrufes über das Internet könnte für die tägliche Arbeit in den Leitstellen weitere, positive Aspekte bieten. Neben einer genaueren Lokalisation von Einsatzstellen und einer besseren Identifikationsmöglichkeit, könnte der Anrufer durch den Versand von Bild- und Tondaten den Leitstellendisponenten eine realistische Einschätzung der Einsatzlage ermöglichen.
Genauere Informationen zum Thema:
Konzept für ein barrierefreies Kommunikationssystem für Rettungsleitstellen
Bachelorarbeit von Peter Palsbröker (BF Bielefeld)
Fernuniversität Hagen
Fakultät für Mathematik und Informatik
Lehrgebiet Parallelität und VLSI
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